Industrie stellt aus – eine Polemik

Mit den Industrieausstellungen auf Kongressen ist es ja immer so eine Sache. Manche mögen sie, manche mögen sie gar nicht. Manche freuen sich über Informationen und das Sponsoring, denn ohne dieses geht es wohl auch im Jahr 2021 weiterhin nicht, und manche schlurfen durch die Gänge der Industrieausstellung, mit gesenktem Blick oder beschäftigtem. Ganz wie in der Fußgängerzone, wenn man nicht von Flyerverteilern oder dem Deutschen Tierschutzbund angesprochen werden möchte.

In den letzten Jahren – Corona einmal ausgeklammert – tendierten viele Fortbildungsveranstaltungen dazu, sich nicht mehr von der Industrie sponsern zu lassen. Zuviel Einflussnahme, zuviel product placement, sogar außerhalb der berüchtigten Mittagssymposien, „Mein Essen zahle ich selbst“ wurde zum Statement. So manche Regionalgruppen schlossen sich sogar zu genossenschaftlichen ÄrztInnenverbünden zusammen, die Fortbildungen wurden aus den eigenen Reihen finanziert.

Je größer die Events werden, desto schwieriger ist dieses Vorgehen und zu teuer wird es. Denn neben der Finanzierung geht es bei der Industrie schließlich auch um das Eventmanagement, das Catering, das Hotelfinden, das Ticketsichern und Teilnehmerverteilen. Dies wird vielfach „outgesourced“.

Also dann doch eine Industrieausstellung, wir gönnen uns einen Kaffee hier, einen Apfel da, freuen sich mit den zuhause gebliebenen MFAs über ein paar mitgebrachte Kugelschreiber, Kalender, Terminblöcke und Gummibärchen. Die Kinder bekommen – schließlich sind wir auf einem Kinder- und JugendärztInnenkongress – ein paar Kuscheltiere geschenkt (auch wenn es mitunter Plüschbakterien oder -zecken sind), sie freuen sich wahlweise über Pixibücher oder die feschen Pubertätsbücher der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung.

So hat doch die Industrieausstellung auch einen informativen Charakter, sind wir mal ehrlich. Hier gibt es das neueste Ultraschallgerät zu bewundern, hier eine Lungenfunktion, ein EKG oder schlichtweg ein Praxissoftwareprogramm. Für die KollegInnen aus der Klinik finden sich praktische RSV-Berechnungsscheiben, so mancherlei Produktproben und auch für diese: Ultraschallgeräte, hier die tragbaren, weil die hipp sind.

Ich habe mittlerweile meinen Frieden gemacht mit der Industrie. Klar ist alles Werbung, klar auch perfide, durch die Hintertür quer rein ins Stammhirn. Aber es gibt ja immer noch den obligatorischen Büchertisch, an dem ich die Pausen verbringen kann und mir mal wieder ein Thieme/Elsevier/Springer-Buch gönnen darf (ohje, wie transportiere ich das nur nach Hause, ich habe doch nur den kleinen Rollkoffer). Außerdem schmecken die Häppchen bei Symposium so gut und der Apfel oder die Rittersporttäfelchen zwischenrein. Vom Kaffee ganz zu schweigen.

Und außerdem: Neben der „bösen“ Industrie subsumiert sich bei den Ausstellungen ja auch noch so manch anderes Volk, so z.B. Gemeinnützige Vereine, wie Asthmaschulungen, der Verkehrsclub Deutschland oder die Ausstellungsstände der veranstaltenden Fachgesellschaft. Heutzutage sorgt eine Transparenzerklärung für klare Verhältnisse.

Und wenn der dritte Kongresstag erreicht ist, und die ersten Aussteller bereits am Morgen die Flagge streichen, weil alle Terminblöckchen hergeschenkt wurden, und der Deutsche Kongress für Gefäßchirurgie in Mannheim wartet, dann schleiche ich ebenfalls mit viel beschäftigtem oder gesenktem Blick durch die Hallen. Und es kommt ein wenig Wehmut auf.

„Wenn die Industrie die ersten Tische zusammenklappt, ist der Kongress beendet.“ (Alte Medizinerweisheit)

by kinderdok